Leseprobe

"Äpfel und Dirnen" von Julia Bruns

»Hering in Aspik, Matjes, Rührei mit Räucherforelle, der Lachs war leider aus, drei Brötchen, Butter, eine Kanne Kaffee mit Milch ohne Zucker, eine Flasche Wasser, ein Schweinsohr zum Nachtisch. Ach, und natürlich ein ordentliches Stück Ihrer Lieblingswurst. Die echte Knackwurst von ‚Die Thüringer‘, die mögen Sie doch so gern«, piepste sie, und Kohlschuetter meinte zu hören, dass die Stimme der Dame dabei nervös zitterte.

  Quasi in Zeitlupe fasste Bernsen nach seiner Mütze und schob sie nach hinten. Neugierig scannte er die soeben angekündigten Speisen. »Jaah«, stöhnte er sodann freudig, nachdem er alles genau so vorgefunden hatte, wie es ihm aufgezählt worden war. Er schwang mit erstaunlicher Schnelligkeit die Beine vom Tisch herunter, knallte die Latschen auf den Fußboden, rückte seinen Stuhl zurecht, schob die Füße hinein und schaute die Dame erwartungsvoll an. Mit flinken Händen baute sie sein Frühstück vor ihm auf. Nachdem alles äußerst einladend angerichtet war, griff sie in ihre Schürzentasche und zog zwei Aspirin plus C hervor. Sie drückte die Tabletten aus der Verpackung in ein Glas, öffnete die Flasche und goss Wasser darüber. Während sie anfingen zu sprudeln und sich das Wasser in eine milchig-trübe Flüssigkeit verwandelte, schob sich Bernsen einen dicken Happen vom Aspikhering in den Mund. Kohlschuetter, der so früh am Morgen nicht einmal das Stück Knackwurst herunterbekomen hätte, schluckte angewidert. 

  »Sehr gut, meine Liebe. Aber Sie wissen schon, dass ich mein Thüringer Waldquell am liebsten medium trinke«, schmatzte Bernsen mit vollem Mund.

  Die kleine Frau lief knallrot an. »Ich … ja, ich weiß, aber das war aus«, stammelte sie aufgelöst und trippelte dabei von einem Bein aufs andere. »Entschuldigung.«

  Bernsen schien sie nicht zu hören. Er drückte seinen Daumen in eines der Brötchen und riss es durch Schieben und Zerren längsseitig auf. Zwei rosa Matjesfilets landeten zwischen den beiden Hälften. Dann kaute er zufrieden.

  »Ich komme dann nachher wieder, um das Geschirr abzuholen. Guten Appetit«, piepste die Frau sichtlich betroffen und verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

  Kohlschuetter saß schweigend hinter seinem Schreibtisch und beobachtete den Kollegen. Was auch immer hier gerade abgegangen war, es hatte dazu geführt, dass Bernsen sich wieder am Alltag der Thüringer Kriminalpolizei beteiligen konnte. Damit bestand ja noch Hoffnung für den heutigen Tag. 

  »Auch eins?« Bernsen hielt ein zweites soeben fertiggestelltes Matjesbrötchen in die Luft. »Sind ausgezeichnet.«

   Kohlschuetter winkte hastig ab.

  Bernsen biss kraftvoll in das Brötchen. »Oder lieber von der Wurst? Die ist wirklich spitze«, nuschelte er.

  »Nein danke«, antwortete Kohlschuetter leicht gereizt. Sein Blick fiel auf den halben Knackwurstring, dessen würzig-rauchiger Geruch eine interessante Liäson mit dem Duft des Fischbrötchens einging. Bernsen musste einen wirklich robusten Magen haben - und alle Zeit der Welt. »Ich will ja nicht drängeln, aber wir müssen dringend nach Bilzingsleben. Wenn Sie Ihr Katerfrühstück bitte zügig beenden könnten?«

  »Neidisch?«, fragte Bernsen zwischen zwei großen Schlucken Kaffee, mit denen er geräuschvoll die Fischreste zwischen seinen Zähnen herauszuspülen versuchte. »Bloß noch das Ei, wo sich die Liese schon solche Mühe gemacht hat. Hauptsache, es ist nicht wieder versalzen. Die Knackwurst von ‚Die Thüringer‘ packe ich ein. Als Wegzehrung.« Ohne mit der Wimper zu zucken, fummelte er unter einem Aktenstapel eine Serviette mit Nordsee-Logo hervor und wickelte die Wurst darin ein. »An ein Butterbrotpapier hätte Liese aber schon denken können.«

  Kohlschuetter schaute ihn mit großen Augen an. Liese hieß sie also, die Frau, die gerade eine Mordermittlung gerettet hatte. »Sie wollen bei den Temperaturen eine Wurst im Auto bunkern?« 

  Bernsen hielt einen Moment inne. »Sie haben recht. Schade drum. Ich hebe sie mir für das Abendessen auf.« Sichtlich erfreut über diese Aussicht zog er die oberste Schublade an seinem Schreibtisch auf und legte die Wurst hinein. 

  Kohlschuetter schüttelte den Kopf. 

"Thüringen Krimi" von Julia Bruns


thueringen-kommissare.de/ 

Foto: Jörg Ropers, Center PRess Erfurt

Julia Bruns bei einer Lesung